Die Rolle von Kunst und Architektur inmitten urbaner Transformationsprozesse

Betrachtungen entlang den jüngsten Kunst- und Kulturinitiativen Wiens

SOHO in Ottakring, making it, Unternehmen Capricorn

Die Stadt reagiert wie ein Organismus: Analog dem Gesetz des Ausgleichs verschiedener Energiezustände in der Physik kann man die Umstrukturierungsprozesse der Städte beobachten. Das Energiegefälle in der Physik entspricht im urbanen Kontext den wirtschaftlichen und soziologischen Unterschieden einzelner Quartiere.


Der Begriff „gentrification“, der dieses Phänomen im städtischen Gefüge beschreibt, wurde 1964 erstmals von Ruth Glass formuliert um die Invasion des Mittelstands in die Arbeiterquartiere in London zu veranschaulichen (engl. gentry = niedere Adel).
Diese Umwandlungsprozesse sind fast ausschließlich Umwertungsprozesse im Sinne einer Steigerung der wirtschaftlichen Attraktivität. Einerseits von der politischen Macht den Problemzonen der Stadt verordnet in Form von städteplanerischen Impulsen und Großprojekten – andererseits von einer entstehenden Alternativszene geprägt, die die urbanen Resträume als Pioniere bevölkern und auch unter Besitz nehmen.
Wie letzteres in Wien zu verstehen ist verdeutlicht eine Serie von Kunst- und Kulturinitiativen, die seit kurzem im medialen Rampenlicht stehen.

Das Kunst- und Kulturprojekt SOHO in Ottakring rund um den Brunnenmarkt füllte heuer zum dritten Mal Betriebsstätten und Geschäftslokale mit diversen Ausstellungen und Aktionen. In einer bunten Zusammenarbeit von Wirtschaftskammer, dem Verein der Kaufleute Brunnenviertel, der Gebietsbetreuung Ottakring und der IG bildende Kunst wurde hier ein Prozeß in Gang gesetzt, der dem Stadtteil Ottakring nachhaltig zu einem attraktiveren Image verhelfen soll.
Im fünften Wiener Gemeindebezirk waren Schaufenster von leerstehenden Geschäften Ort für vier architektonische Interventionen. Organisiert wurde „making it“ von der lokalen Gebietsbetreuung, den Wiener Einkaufsstraßen und dem Institut für Architekturtheorie an der TU Wien. Im Gegensatz zu SOHO in Ottakring war bei diesem Projekt die Auseinandersetzung des Passanten mit der Schnittstelle Schaufenster das Thema und nicht der soziologische und wirtschaftliche Umraum selbst.
Das „Unternehmen Capricorn“ bedient sich freier Raumkapazitäten rund um den Karmelitermarkt in der Leopoldstadt. Zehn Wiener Museen verlagern beim Kunstprojekt von Christoph Steinbrenner ihre Depotbestände in ehemalige Geschäftslokale und machen sie so einem Publikum zugänglich. Im zentralen Pavillon am Karmeliterplatz wird noch zusätzlich ein virtueller Spaziergang im Stile eines „adventuregames“ durch die Ausstellungsräumlichkeiten angeboten. Das begleitende Unterhaltungsprogramm findet ebenfalls am Platz statt.

Diese Projekte veranschaulichen mit ihren unterschiedlichen Strategien, wie und wodurch der städtische Kontext heutzutage maßgeblich bestimmt wird. Ob die Architektur und Kunst als Aufputschmittel zur urbanen Wiederbelebung geeignet ist wird sich weisen.

Literatur zum Thema:

dérive; Zeitschrift für Stadtforschung – Heft 4
zu bestellen bei: derive-stadtforschung@gmx.at

bild.punkt; Zeitschrift der IG bildende Kunst – Ausgabe Mai/Juni 2001
zu bestellen bei: igbildendekunst@netway.at

Unternehmen Capricorn; Eine Expedition durch Museen
Hrsg: Christoph Steinbrenner – Wien: Triton, 2001

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