Sturm der Ruhe. What is Architecture?

Reflexionen über Architekturvermittlung und ihrer Präsentation im neuen Wiener Architekturzentrum

Mit der Erweiterung des AzW und der Ausstellung in den neuen Räumen des Museumsquartiers erlaubt sich die Mannschaft rund um Dietmar Steiner einen kritischen Blick zurück und stellt sich selbst die Frage nach der Aufgabe eines Zentrums für Architektur – dem Sinn als architekturvermittelnde Organisation genauso wie nach dem Sinn von Architektur und ihrer Repräsentation in unserem Alltag.
Zur Arbeit des AzW zählt schon längst nicht mehr die ausschliessliche Präsentation zeitgenössischer Baukultur. In den vergangenen Jahren wurde das Netz der Aktivitäten rund um den Begriff „Architektur“ immer dichter geknüpft und führte zu einer Vielzahl von Berührungspunkten für Interessierte aus allen Richtungen.

Die Beschreibung als Lobby oder Marketingagentur für das Produkt Architektur würde die Initiativen des AzW schon viel eher treffen. In diesem Sinne wickelt man mittlerweile auch Wettbewerbe ab, gibt Video- und Fotoarbeiten in Auftrag und sieht sich auch als Informationszentrum, das mit seinen eigenen Publikationen seine ursprüngliche Vermittlerrolle in aktuellen Debatten wahrnimmt.
Als Suche nach neuen Wegen der Vermittlung und Repräsentation von Architektur ist auch die Eröffnungsausstellung „Sturm der Ruhe. What is Architecture?“ zu interpretieren. Diese widmet sich der Wahrnehmung und Erfahrung von architektonisch gestalteten Räumen und Orten jenseits einer stereotypen und idealisierten Bilddarstellung. Immaterielle Faktoren von Architektur, wie Stimmung, Atmosphäre, Geruch, Gebrauchsspuren oder haptische Qualitäten sollen für den Besucher erfahrbar werden. Diese Aspekte können natürlich nicht ausschliesslich über die zahlreichen visuellen Arbeiten – Videos, Fotografien, Tagebuchskizzen und Aufzeichnungen vermittelt werden. Dazu werden „Stimmungsmacher“ in die Ausstellung geholt: ein Stapel Bauholz, ein Steinquader oder auch eine Tonbandaufnahme, die von der Entdeckung von Brücken und Stegen erzählt, die entlang eines Küstenabschnitts in Schweden das Meer zum Badengehen erschliessen.
Die ausgestellten Fragmente, die jeweils spezifische Aspekte des menschlichen Handelns und Gestaltens darstellen, provozieren auch eine persönliche Suche nach Bereichen, auf welche Gestaltungsweisen man sensibilisiert ist oder welche Massnahme man zum Repertoire des architektonischen Handelns zählt. Die Beispiele aus der gebauten Architektur bleiben bei dieser Ausstellung im Hintergrund und bilden nur die Kulisse für alltägliche Situationen und menschliches Handeln. Der Zugang zur Arbeit des Gestaltens wird dadurch sensibler und weniger einnehmend dargestellt. Beispiel sei eine Fotografie von Josef Dapra: zwei Sockel entlang einer Mauer, ein Kalkanstrich der Insekten abhält und gleichzeitig als Markierung für die somit geschaffene Sitzmöglichkeit dient.
In diesem Sinne agieren auch die Gestalter der Ausstellungsräume, Eichinger oder Knechtl, die sich darauf beschränken den Raum in eine Farbe zu tauchen und schlichte Präsentationskojen zur Verfügung stellen.
Der Katalog zur Ausstellung fügt sich als fragmentarische Sammlung bereits erschienener Texte zum Thema konsequent in den Charakter der Ausstellung ein. Die unkonventionelle Seitenabfolge bestraft den unaufmerksamen Ausstellungsbesucher mit der Unlesbarkeit des Gedruckten.

Gerold Strehle

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