Replik auf einen Kommentar in den SN

Zugegeben: Es ist verständlich, den Eindrücken dieser Welt mit unhinterfragten Erklärungsreflexen zu begegnen ohne sich wirklich mit Hintergründen auseinandersetzen zu wollen. So zum Beispiel Ihre Kolumne in den SN vom 25.10.06 zum Thema Architektur für Architekten. Daher erlauben Sie mir höflich sich diesen kleinen Einführungskurs in Sachen Architektur und deren Benützung zu Gemüte zu führen:


Erstens: Architekten bauen in der Regel nicht für sich sondern für Bauherrn, die es verstehen die jeweiligen persönlichen Wünsche an den Planer heranzutragen. Die Architekten, die wie sie in Ihrer Kolumne unterstellen „sich selbst verwirklichen“, nennen sich Stararchitekten, die sich vornehmlich ihrer eigenen Werksbiografie verpflichtet fühlen. Ich schätze ihren Anteil auf ca 0,5% der in Österreich tätigen Architekten. Ich vermute Ihre zitierten Beispiele fallen aus statistischer Sicht in die Kategorie der anderen 99,5%.
Zweitens: Die Verwendung von Kellerräumen in welcher Art und Weise auch immer, obliegt nicht dem Kompetenzbereich des Architekten sondern den Bewohnern. Nur sehr wenige Architekten würden den Bewohnern vorzuschreiben versuchen, wie die Benützung der Räume zu erfolgen hat.
Drittens: Der Tourist aus Ö-land bewundert in mediterranen Regionen gerne das belebte Treiben an Fischmärkten, die zum Trocknen aufgehängte Wäsche zwischen den engen Strassenfassaden, das Gespräch alter Männer auf der Hausbank – kurzgesagt Artefakte und menschliche (soziale!) Tätigkeiten, die von der Anteilnahme der Menschen am öffentlichen Raum und vom persönlichen Austausch der Bewohner geprägt sind. Wenn ich Sie also richtig verstehe, sollten sämtliche Spuren von menschlicher Anteilnahme am öffentlichen Raum wie Ihre zitierten Wäschestücke, Kinderspielzeug oder dann vielleicht auch noch Kinderzeichnungen auf dem Trottoir oder anderen Orten des öffentlichen Raums verschwinden?
Viertens: Ein Heizkörper vor einem französischen Fenster kann mehrere Ursachen haben, zB ist dem Bauherrn das Geld ausgegangen und er konnte sich in der Ausführungsphase statt einer Fussbodenheizung nur mehr eine konventionelle Heizung aus Radiatoren leisten, der Bauherr war für die örtliche Bauaufsicht selbst verantwortlich und wurde von einem Installateur seiner Wahl „beraten“, mit dem Heizkörper vor dem Fenster ersparte man sich die vorgeschriebene Absturzsicherung mittels einem Geländer an der Fassade oder einem Fensterriegel in 1m Höhe und einer Einscheibensicherheitsverglasung im Parapetbereich etc etc …

Es wäre ein spannendes Forschungsprojekt zu untersuchen, warum der einfache Mann auf der Strasse und darunter anscheinend auch SN Kolumnisten sich derart verleitet fühlen für sämtliche Bausünden dieser Welt ausschließlich die Architekten und nicht deren Auftraggeber zur Verantwortung zu ziehen. Im Umkehrschluß würde dies ja rechtfertigen, dass alle Journalisten für die Verflachung der heutigen Medieninhalte verantwortlich sind (Bildzeitung, RTL und sonstige Formate) und zur allgemeinen Verdummung und Verrohung der Medienkonsumenten beitragen!
Im Übrigen möchte ich Sie gerne einmal einladen anstatt negativer Meinungsbildung die realen Arbeitsbedingungen von jungen Architekturbüros kennenzulernen oder sie nehmen sich einmal Zeit folgende Studie zu lesen…

Replik auf eine Zeitungskolumne in den Salzburger Nachrichten vom 25.10.2006

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