Stadtperspektiven

Workshop am Wiener internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften

Über den Begriffskomplex Öffentlichkeit, urbaner Raum, Stadt und Städtebau.

Die Themen des Workshops handelten von den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen der Stadt als „prekäre Zumutung und Errungenschaft“ und den Städtebau als baulich-materieller Intervention im Gefüge der heutigen ökonomischen Gesetzmässigkeiten. Neue Wege einer umfassenden Gestaltung urbaner Welten wurden ebenso erörtert wie zeitgemässe Definitionen des Begriffs „Öffentlichkeit“.


Das Referat von Walter Prigge – Stadtsoziologe am Bauhaus in Dessau – betrachtete die Quartiere im Spannungsfeld der wirtschaftlichen Veränderungen und sozialen Neuorientierungen, die uns die heutige Zeit mit der Telekommunikation und der gesellschaftlichen Zersplitterung bescheren. Nach seiner Ansicht erweitert sich der Dienstleistungssektor der heutigen Wirtschaftsordnung um den Bereich der konsumbezogenen Dienstleistungen, sowie um einen weiteren Anteil an organisierten Eigenheimproduktionen und der Schattenwirtschaft. Diese Umstände erklären die Konsum- und Erlebnissindustrie als neue massgebende städtische Einheiten an der Peripherie sowie das wilde unkontrollierte Bauen in den Ballungsräumen der Entwicklungsländer.
Die Eigenschaften des Begriffs „öffentlicher Raum“ wird laut Ernst Hubeli – Stadtplaner und Publizist in Zürich – im aktuellen Kontext unseres städtischen Lebens durch das allgegenwärtige Bild der Öffentlichkeit definiert. In diesem Zusammenhang vermischen sich virtuelle, mediale und wirkliche Interaktion.
Diese verschiedenen Ausdrucksformen von Öffentlichkeit kennzeichnen die Unbeständigkeit heutiger urbaner Räume im Unterschied zu den unbeweglichen Stadtplätzen, welche bis dato die urbanen Funktionen und Handlungsweisen ermöglichten.
Gleichzeitig wirft sich nun die Frage auf, ob mit der Herstellung von öffentlichen Räumen auch Öffentlichkeit entstehen und sich entwickeln kann. Wie konstituiert sich heute Öffentlichkeit?
Eine Antwort auf diese Frage vermittelt die Züricher Rave und Technoszene mit ihrer Aneignung von öffentlichen Räumen. Mit dieser Eroberung und Transformation der vormals identitätslosen Orte erfolgt laut Hubeli zugleich eine „affektive Bindung des teilnehmenden Individuums, das sich zugleich als Gestalter und als Publikum versteht“.
Das Thema der „Stadtfeindschaft“ bildetete das zentrale Thema des Beitrags Dieter Hoffmann-Axthelms – Stadttheoretiker und Stadtplaner in Berlin. Seiner Ansicht nach entwickelte sich in Nord- und Südeuropa jeweils eine sich zur Stadt bekennende (in den Mittelmeerländern) und verleugnende Beziehung (nördliche Länder).
Im zwanzigsten Jahrhundert manifestiert sich diese Feindschaft gegenüber der Stadt durch die beginnende Zersiedelung der Stadtränder. Diese Tendenz des Flüchtens aus dem städtischen Ballungsraum führt zur heutigen Gesellschaft, welche zusehends die Stadt als Konsumprodukt versteht und gleichzeitig keine Bereitschaft mehr zeigt, an den sozialen Ordnungssystemen teilzunehmen.
Die provokanteste These richtet sich jedoch gegen die Architekten, die nach Meinung Hoffmann-Axthelms sich immer noch im Irrtum befinden, zu glauben, dass die heutige Stadt die Architektur unbedingt braucht. Rückblickend muss man doch erkennen, wie der vergangenene Städtebau, von Visionen und Problemlösungen geleitet, ständig den Entwicklungen der Zeit hinterherlief.
Die Vielfalt der vorgetragenen Themen und Interpretationsansätze zeigt, dass die Stadt wieder zur Diskussion steht, und das, obwohl ein Ende des Städtebaus bereits vor zehn Jahren von Rem Koolhaas deklariert wurde.

veröffentlicht in Werk, Bauen und Wohnen – Ausgabe ###

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